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Filzen / Stoffe

Filzen – alte Technik – neu entdeckt

Dies ist ein Beitrag von Helga Walchensteiner, die auch die Bilder zur Verfügung gestellt hat. Mehr über Helga Walchensteiner finden Sie auf deren Seite auf dieser Plattform- Bitte hier klicken.

Filzen ist wahrscheinlich eine der ältesten Techniken der Welt, um Stoff herzustellen. In unserer Gegend ging durch die Industrialisierung diese Art von Wollverarbeitung fast verloren. Das Herstellen von gefilzten Hüten blieb im Alpenraum bis vor kurzer Zeit erhalten. Auch hier wurde die Handarbeit bis auf wenige Ausnahmen durch die maschinelle Anfertigung verdrängt. Erst seit den 90er Jahren erfreute sich das Filzen wieder zunehmender Beliebtheit. In Kursen eignen sich Menschen die Kenntnisse an, um mit dem wertvollen Rohstoff Wolle individuelle Stücke herzustellen. Der Phantasie sind so gut wie keine Grenzen gesetzt: Patschen, Kleidung, Schmuck, Deko, Spielsachen – alles ist möglich.

Eigenschaften der Wolle/ Filz:
Schon seit Jahrtausenden machen sich die Menschen die guten Eigenschaften der Wolle zunutze. Sie kann über dreißig Prozent ihres Eigengewichtes an Feuchtigkeit speichern, ohne nass zu wirken. Dies bewirkt bei Kleidungsstücken eine wichtige
Klimaregulierung.
Das Wollfett (Lanolin) gibt dem Filz
wasserabweisende Eigenschaften. Die Luftposter zwischen den einzelnen Fasern bewirken eine ausgezeichnete Wärmeisolierung und –regulierung. Wolle ist schwer entzündbar.

Was ist eigentlich Filz?
Filz ist ein Faserverband aus losen, nicht versponnen (Tier-) Haaren – dem sogenannten Wollfilz.
Für die Verarbeitung eignet sich hauptsächlich Schafwolle. Gerne wird auch Alpaka-, Lama- und Kamelwolle verwendet. Für bestimmte Effekte können Pflanzenfasern und Seide mit eingearbeitet werden.
Nicht jede Wolle filzt gleich gut. Dies ist abhängig von der Schafrasse, sogar die Wolle jedes einzelnen Tieres kann unterschiedlich sein. Sie variiert je nach Farbe, Alter und Lebensbedingungen. Bei uns sind die am meisten verbreiteten Rassen das Bergschaf und das Steinschaf. Die Wolle des Bergschafs hat ausgezeichnete Filzeigenschaften und wird hauptsächlich verarbeitet. Man kann diese in Osttirol in den Naturfarben als Vlies direkt vom Bauer kaufen.

Vom Schaf zum Vlies:
Die Schafwolle wird nach der Schur schonend gewaschen. Das Wollfett (Lanolin) sollte möglichst nicht vollständig ausgewaschen werden. Es wird nur die langhaarige Wolle von Rücken und Seite genommen. Nach dem Trocknen wird die „Flocke“ zum Vlies gekämmt („kartatscht“). Das Resultat ist eine aus lockeren Schichten bestehende Fläche. Es gibt noch die Möglichkeit die Rohwolle als Kammzug weiterzuverarbeiten. Dabei werden die kurzen Fasern ausgekämmt und zu einem Strang verarbeitet. Speziell Merinowolle aus Neuseeland oder Australien wird auf diese Weise verwendet.

 Wolle ist in vielen Farben erhältlich. Sie kann konventionell oder mit Naturfarben gefärbt werden.

Der Filzprozess:
Man kann sich fragen, warum Wolle eigentlich filzt. Jedes Wollhaar ist ähnlich einem Tannenzapfen mit Schüppchen umgeben. Kommen diese mit Wasser, bzw. Seife in Verbindung stellen sie sich auf. Durch kräftiges Reiben und Drücken verbinden sich die Haare zu einer stabilen, festen Fläche. Mit zunehmender Verdichtung schrumpft die Fläche bis zu 40%.
Die wichtigsten Hilfsmittel für einen gelungenen Filz sind heißes Wasser, Seife (am besten Olivenseife) und viel Kraft in den Händen. Manch ein Werkstück erfordert viel Geduld und bringt einen schon zum Schwitzen. Wer einmal Filzpatschen gemacht hat, kann dies sicher nachvollziehen.

Filzen einer Fläche:

Zuerst wird die Wolle in dünnen Schichten übereinandergelegt, zum besseren Verfilzen abwechselnd vertikal und dann horizontal. Anschließend wird die Wolle mit warmer Seifenlauge bespritzt und mit einem Stoffgitter oder einer dünnen Plastikfolie abgedeckt. Man beginnt mit den Händen zuerst vorsichtig zu reiben. Mit zunehmendem Filzprozess wird kräftiger gearbeitet. Hat sich die Wolle an der Oberfläche verbunden, kann man mit dem Walken beginnen. Dazu wird die Fläche wieder mit heißem Wasser besprenkelt und in ein Handtuch eingerollt und kräftig bearbeitet. Dieser Vorgang wird von allen Seiten wiederholt. Das Werkstück wird solange gerollt, bis die gewünschte Festigkeit und Größe entstanden ist. Anschließend wird der Filz mit Wasser ausgespült. Ins letzte Spülwasser gibt man noch einen Schuss Essig, um eventuelle Seifenreste zu neutralisieren.

Die therapeutische Wirkung des Filzens:

Filzen ist mehr als nur ein Prozess, bei dem Wolle mit Hilfe von Wasser und Seife zum Schrumpfen gebracht wird. Erfahrungen haben gezeigt, dass sich das Nassfilzen positiv auf das Gesamtempfinden auswirkt – von kurzfristigem Muskelkater einmal abgesehen. Das weiche und luftige Element, verbunden mit warmem Wasser und den sich wiederholenden Bewegungen tragen dazu bei.
Gerade bei Kindern wurde festgestellt, dass die Konzentration gefördert wurde. Zappelige konnten sich entspannen und sich ruhig dem Prozess widmen.
Durch das sinnvolle Tun entsteht eine freudvolle Stimmung. Das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl werden gestärkt, wenn man durch den Prozess gegangen ist und ein schönes Resultat erzielt hat.
Die Wolle verlangt auch einen gewissen Respekt und einen verantwortungsvollen Umgang. Kinder lernen sorgfältig zu arbeiten. Ungeduld oder zur falschen Zeit eingesetzte Kraft kann zum Misslingen der Arbeit führen.
Bewegliche Hände sind die Voraussetzung für ein bewegtes Denken. Logisches Denken braucht es, um Ideen umzusetzen, Arbeitsabläufe zu planen und zu verwirklichen.